Erfolg für den früheren Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, in München. Das Oberlandesgericht sieht es wie schon zuvor das Landgericht München I. Beanstandete Aussagen aus der Böhmermann-Sendung „ZDF Magazin Royale“ vom 7. Oktober 2022 sowie entsprechende Darstellungen in ZDF-Onlinebeiträgen dürfen weiterhin nicht verbreitet werden. Sie hatten den Eindruck erweckt, Schönbohm könnte ein Spion für Russland sein.
„Nach Überzeugung des Senats sind die im Rahmen der Sendung getätigten Äußerungen vom Publikum so zu verstehen, dass der Kläger bewusste Kontakte zu russischen Nachrichtendiensten gehabt habe. Dies stelle eine unwahre Äußerung dar, die ihn in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht verletze, weshalb die entsprechenden Äußerungen zu unterlassen seien“, begründete das Gericht am Dienstag seine Entscheidung. Eine Geldentschädigung erhielt Schönbohm nicht. Im WELT-Interview spricht er über die Folgen der Affäre, seine Sicht auf das ZDF und darüber, warum er sich bis heute nicht rehabilitiert fühlt.
WELT: Herr Schönbohm, ist das Urteil des Oberlandesgerichts für Sie ein Sieg?
Arne Schönbohm: Zunächst einmal bestätigt das Urteil das, was ich seit Beginn gesagt habe: An den Vorwürfen war nichts dran. Das wurde inzwischen auch durch sämtliche Prüfungen und Verfahren bestätigt. Dass nun auch das Oberlandesgericht klarstellt, dass diese Aussagen unzulässig waren, ist natürlich ein großer Erfolg.
WELT: Trotzdem haben Sie keine Geldentschädigung bekommen.
Schönbohm: Natürlich hätte ich mir auch dort mehr gewünscht. Aber entscheidend war für mich immer, dass festgestellt wird: Diese Vorwürfe waren falsch. Wenn ich heute im Internet meinen Namen eingebe, stoße ich überall auf die sogenannte Schönbohm-Affäre. Nicht auf eine Böhmermann-Affäre oder ZDF-Affäre. Mein Name bleibt dauerhaft damit verbunden.
WELT: Warum war Ihnen die Geldentschädigung trotzdem wichtig?
Schönbohm: Es ging mir nie darum, mich zu bereichern. Aber die Folgen dieser Berichterstattung haben mich auch ganz konkret Geld gekostet. Allein die Verfahren gegen das Bundesinnenministerium und das ZDF haben bei mir private Kosten von mehr als 60.000 Euro verursacht. Das habe ich aus eigener Tasche bezahlt. Das widerspricht meinem Rechtsverständnis. Wer einen Schaden verursacht, sollte grundsätzlich auch für die Kosten aufkommen, die notwendig sind, um diesen Schaden wieder zu beheben.
WELT: Erinnern Sie sich noch an den Abend der Ausstrahlung am 7. Oktober 2022?
Schönbohm: Ja. Ich habe die Sendung damals gar nicht selbst gesehen. Ich saß mit meinem Sohn zusammen und habe einen Disney-Film geschaut. Dann rief mich mein Pressesprecher an und sagte: „Sie müssen sich das anschauen, das ist schlimm.“ Später habe ich bei Twitter gesehen, was dort losgetreten wurde. Da dachte ich nur: Das kann doch alles nicht wahr sein.
WELT: Wann haben Sie realisiert, welche Folgen das haben würde?
Schönbohm: Die Sendung allein hätte diese Wirkung nie entfaltet. Für mich war das Teil einer gezielten Kampagne. Sonst hätte jeder darüber gelacht und es wäre erledigt gewesen. Aber plötzlich schrieben internationale Medien unter Berufung auf das ZDF, der Chef der deutschen Cybersicherheitsbehörde sei möglicherweise ein russischer Spion. Das war kein Spaß mehr, sondern bitterer Ernst.
WELT: Sie sagen sogar, Deutschlands Sicherheit sei dadurch gefährdet worden.
Schönbohm: Natürlich. Wenn Partnerdienste oder ausländische Sicherheitsbehörden ein halbes Jahr nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine lesen, der Präsident des BSI habe womöglich Verbindungen nach Russland, dann fragen die sich doch automatisch: Können wir den Deutschen noch sensible Informationen anvertrauen? Das beschädigt Vertrauen – und Vertrauen ist die Grundlage internationaler Sicherheitskooperation.
WELT: Was war persönlich der schlimmste Moment?
Schönbohm: Dass ich völlig allein gelassen wurde. Es gab keinerlei Unterstützung aus dem Bundesinnenministerium. Gleichzeitig wurde mir verboten, mich öffentlich zu äußern oder mich selbst zu verteidigen. Ich durfte nicht einmal im Innenausschuss sprechen. Und dann durfte ich plötzlich meine eigene Behörde nicht mehr betreten und mich nicht einmal von meinen Mitarbeitern verabschieden. Das war menschlich bitter.
WELT: Haben Sie das der damaligen Innenministerin Nancy Faeser (SPD) persönlich übel genommen?
Schönbohm: Sie hat nie wirklich das Gespräch mit mir gesucht. Ob sie wusste, was dort tatsächlich passiert, kann ich nicht beurteilen. Aber aus meiner Sicht war das keine gute Führung.
WELT: In der Sendung wurden Sie als „Cyberclown“ verspottet. Was macht so etwas mit einem?
Schönbohm: Das ist letztlich zweitrangig. Man kann mich beleidigen oder lächerlich machen – das halte ich aus. Entscheidend ist etwas anderes: Dass man bewusst entlastende Fakten weggelassen und stattdessen den Eindruck erzeugt hat, ich hätte eine Nähe zu russischen Geheimdiensten.
WELT: Der Vorsitzende Richter sprach von „bestenfalls schlampiger Recherche“.
Schönbohm: Das trifft es ziemlich gut. Ich hatte seit Jahren nichts mehr mit dem Cyber-Sicherheitsrat zu tun, um den es damals ging. Das wurde aber einfach weggelassen. Stattdessen entstand ein völlig falsches Bild.
WELT: Glauben Sie, Jan Böhmermann wollte mehr sein als Satiriker?
Schönbohm: Auf mich wirkte es so, als habe er versucht, investigativer Journalist zu sein. Nur gelten dort eben journalistische Standards. Und die wurden hier aus meiner Sicht massiv verletzt.
WELT: Warum haben Sie den Vergleichsvorschlag des Gerichts abgelehnt?
Schönbohm: Weil das ZDF nicht bereit war, öffentlich klarzustellen, welchen falschen Eindruck die Berichterstattung erzeugt hat. Der Richter hatte ausdrücklich angeregt, das müsse in geeigneter Form öffentlich geschehen – also dort, wo die Vorwürfe verbreitet wurden. Dazu war das ZDF nicht bereit.
WELT: Haben Sie beim ZDF irgendwann Einsicht erlebt?
Schönbohm: Nein. Im Gegenteil. ZDF-Intendant Norbert Himmler hat noch nach dem ersten Urteil öffentlich erklärt, an der Sendung sei nichts falsch gewesen. Selbst nachdem Gerichte zentrale Aussagen untersagt haben. Das finde ich bemerkenswert.
WELT: Sie haben das ZDF einmal als „Fake-News-Schleuder“ bezeichnet. Würden Sie das heute noch so sagen?
Schönbohm: Ich glaube, es gibt dort viele gute Journalisten. Aber in meinem Fall sehe ich ein massives Führungsproblem. Wenn ein Sender trotz gerichtlicher Niederlagen keinerlei Fehler eingesteht, dann beschädigt das das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt.
WELT: Hat dieser Fall Ihr Vertrauen in Medien verändert?
Schönbohm: Ja. Ich schaue das ZDF heute deutlich kritischer. Ich informiere mich inzwischen stärker über private Medien und unterschiedliche Quellen.
WELT: Sie gehen in Ihrer Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk inzwischen sehr weit.
Schönbohm: Weil viele Menschen inzwischen nicht mehr erkennen, wofür der öffentlich-rechtliche Rundfunk eigentlich noch steht. Wenn man sieht, wie mit solchen Fehlern umgegangen wird, dann beschädigt das Vertrauen massiv. Ich bin mir relativ sicher: Würde man etwa in Berlin ein Volksbegehren machen mit der Frage, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschafft werden soll und die Bürger stattdessen die Rundfunkbeiträge direkt ausgezahlt bekommen – also diese fast 60 Euro pro Quartal –, dann gäbe es dafür wahrscheinlich eine Mehrheit. Viele würden sich dann eher ein Netflix-, Amazon- oder Zeitungsabo ihrer Wahl holen.
WELT: Ihre Kritiker sagen: Das ZDF habe eben zugespitzt und satirisch gearbeitet.
Schönbohm: Satire darf zuspitzen. Aber Meinungen dürfen nicht als Tatsachen verkauft werden. Man kann sagen: „Schönbohm ist ein Idiot“ oder „Cyberclown“. Das ist Meinung. Aber man darf nicht den Eindruck erzeugen, jemand habe Verbindungen zu russischen Geheimdiensten, wenn das nicht stimmt.
WELT: Hat Jan Böhmermann Ihr altes Leben zerstört?
Schönbohm: Ja. Das ist so. Meine Karriere als Präsident des BSI ist zerstört worden – für 25 Minuten Unterhaltung. Und bis heute ist niemand bereit, dafür Verantwortung zu übernehmen.
Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (X4YK57TU).
Das grausige Hobby von Sir Joseph Londe
„Was für einen Unfug wollen Sie von mir?“, fragte Daniel – vergeblich versuchte er, sich aufzusetzen.
„Nur um einen Blick auf Ihr Gehirn zu werfen“, war die angenehme Antwort.
„Mein – mein was?“ Daniel keuchte.
„Ihr Gehirn“, wiederholte der andere, nahm eines der Messer aus der Schachtel und untersuchte es kritisch. „Übrigens, Sie wissen natürlich, wer ich bin? Ich bin Sir Joseph Londe, der größte Chirurg der Welt. Ich habe mehr Operationen durchgeführt, als es Sterne am Himmel gibt. Leider wurde eines Tages ein kleiner Teil meines Gehirns rot. … Solange ich diesen kleinen Teil des roten Gehirns nicht ersetzen kann, bin ich verrückt. …. In Sie habe ich jedoch absolutes Vertrauen.“
„Wie wollen Sie an mein Gehirn rankommen?“ Daniel fand die Kraft zu fragen.
„Ich will es natürlich herausschneiden“, erklärte der andere. „Sie brauchen nicht die geringste Angst zu haben. Ich bin der beste Operator der Welt.“
„Und was machen Sie danach mit mir?“
Der Chirurg kicherte.
„Ich begrabe Sie im Steingarten“, antwortete er. „Ich nenne ihn meinen Friedhof. Wenn Sie jetzt so freundlich wären, ganz still zu bleiben …“
Das ist ein kurzer Textausschnitt aus dem Buch, das Spannung und einen besonderen Lesegenuss verspricht.
Massenpsychologie am Beispiel Jan Bockelsons
Der Begriff Massenhysterie oder auch Massenwahn bezeichnet eine starke emotionale Erregung in großen Menschenmengen. Auch massenhaft auftretende Ängste etwa die Kommunistenangst im McCarthyismus werden als Massenhysterie bezeichnet.
In »Jan Bockelsons Geschichte eines Massenwahns« geht es zunächst um eine Massenhysterie in der Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit, die in Münster (Westfalen) stattfand, aber bis in die heutige Zeit hineinwirkt durch ihren Einfluß auf den Lauf der Geschichte. Die Tragik, die jenem Massenphänomen auf dem Fuße folgte, hat der Autor Friedrich Reck-Malleczewen mit erschreckender Detailgetreue und vielen Originalzitaten beschrieben. Seine Bezüge zu Massenwahnereignissen späterer Jahrhunderte zeigen, daß es sich keineswegs um einen Einzelfall der Geschichte handelte.
Zum näheren Verständnis, was es mit dem Phänomen des Massenwahns auf sich hat, enthält diese Ausgabe eine Einführung von Sigmund Freud und einen Anhang mit weiteren Beispielen über Massenhysterieereignisse der neuesten Zeit.
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