Grundsätzlich ist es eine durchaus selbstbewusste Generation, die in Deutschlands Kinder- und Jugendzimmern heranwächst. 96 Prozent der Jugendlichen sind überzeugt, gute Eigenschaften zu besitzen, 95 Prozent betrachten sich als genauso wertvoll wie andere Menschen, und 88 Prozent meinen, vieles mindestens so gut zu können wie andere.
Auch die Kinder der ab 2010 geborenen Generation Alpha haben hohes Vertrauen in ihre Kompetenzen, wie eine Sozialstudie der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld für die Bepanthen-Kinderförderung zeigt. 94 Prozent glauben demnach, vieles genauso gut oder besser zu können als andere Kinder. Lebensfreude und Zufriedenheit sind hoch.
Doch noch etwas anderes konnten die Forscher um Studienleiter Holger Ziegler an den Antworten der 1095 befragten Kinder (sechs bis elf Jahre) und Jugendlichen (zwölf bis 16 Jahre) ablesen: Trotz des zur Schau gestellten Selbstbewusstseins sind sie keineswegs frei von Selbstzweifeln. Ein großer Teil von ihnen steht offenbar unter hohem Druck.
So stimmt mehr als jeder zweite Jugendliche der Aussage „Ich habe oft Angst, etwas falsch zu machen“ zu. Etwa jeder Vierte hat Schwierigkeiten damit, Probleme zu lösen, neue Situationen zu meistern oder eigene Ziele zu erreichen. Fast jeder Zweite sagt von sich: „Ich wünschte, ich könnte mehr Respekt vor mir selbst haben“ – 54 Prozent der Mädchen und 41 Prozent der Jungen. Ein Viertel fühlt sich nach eigenen Angaben sogar „von Zeit zu Zeit richtig nutzlos“. Und 54 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen fühlen sich nach eigenen Angaben manchmal davon überfordert, die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen.
„Viele Kinder und Jugendliche wissen um ihre Stärken – gleichzeitig erleben sie hohe Erwartungen, Vergleichsdruck und Angst vor Fehlern“, sagt Ziegler. Auch Social Media steht offenbar im Zusammenhang mit Selbstwert und Optimierungsdruck. So ist der Studie zufolge bei Jugendlichen mit sechs oder mehr Stunden Social-Media-Nutzung pro Schultag der Anteil mit unterdurchschnittlichem Selbstwert fast dreimal so hoch wie bei Jugendlichen mit weniger als zwei Stunden Nutzung.
„Die Ergebnisse widersprechen der einfachen Erzählung von einer selbstbewussten, digital souveränen Generation“, resümiert Ziegler. „Viele Jugendliche wirken nach außen stark, beschreiben innerlich aber Unsicherheit, Druck und Zweifel.“
Zudem wurde untersucht, inwiefern der sozioökonomische Status sich auf Selbstwert und -wahrnehmung auswirkt. Der Einfluss ist offenbar gravierend. So gaben Jugendliche aus weniger privilegierten Elternhäusern deutlich häufiger an, Sorgen zu haben, als ihre Mitschüler aus privilegierteren Elternhäusern (28 Prozent versus 13 Prozent). Sie haben auch öfter Angst, Fehler zu machen, als Jugendliche mit hohem sozioökonomischem Status (62 Prozent versus 40 Prozent). 57 Prozent wünschen sich mehr Selbstrespekt – bei Gleichaltrigen aus bessergestellten Familien sagen das nur 44 Prozent.
Aus den Umfrageergebnissen werde deutlich, dass soziale Ungleichheit nicht nur materielle Chancen beeinflusse, so Ziegler. „Sie wirkt auch auf das Selbstbild junger Menschen, auf ihren Mut, ihre Frustrationstoleranz und ihre Vorstellung davon, was für sie erreichbar ist.“
Entscheidend für Selbstwert und Ermutigung sind nach den Erfahrungen des Kinder- und Jugendwerks Die Arche, das die Studie begleitet hat, verlässliche Bezugspersonen. „Viele Kinder brauchen Menschen, die ihnen etwas zutrauen, zuhören und ihnen zeigen, dass sie wertvoll sind“, sagt Arche-Gründer Bernd Siggelkow. „Denn ein Kind, das gesehen wird, hört auf, sich zu verstecken. Ein Kind, dem etwas zugetraut wird, traut sich selbst mehr zu. Das klingt einfach – aber für viele Kinder ist genau das der Schlüssel zu mehr Selbstvertrauen.“
Häufig finden Kinder und Jugendliche in ihrem direkten Umfeld auch Vorbilder. 76 Prozent der Kinder und 64 Prozent der Jugendlichen geben an, Vorbilder im privaten Umfeld zu haben – vor allem Eltern, Geschwister und Verwandte. Als Vorbilder werden vor allem Menschen gezählt, die hilfsbereit sind, sich für Gleichbehandlung einsetzen, selbstbestimmt Entscheidungen treffen und für Sicherheit sorgen.
Für männliche Jugendliche sind Menschen wichtig, die „für ihre Fähigkeiten bewundert werden“ (50 Prozent), die „dafür sorgen, dass sich alle sicher fühlen“ (73 Prozent) und „selbst entscheiden, was sie tun, und sich von anderen keine Vorschriften machen lassen“ (74 Prozent). Eigenschaften, die für weibliche Jugendliche deutlich weniger wichtig sind. Für sie sind vor allem Menschen vorbildlich, die „anderen helfen und dafür sorgen, dass es anderen gut geht“ (66 Prozent).
53 Prozent der Jugendlichen benennen zudem Menschen als Vorbild, die sie aus den Medien kennen – auch hier werden vor allem Personen genannt, die für Gleichbehandlung einstehen, hilfsbereit sind und selbstbestimmt handeln. Attraktivität und Reichtum polarisieren hingegen: „Viel Geld haben und teure Sachen besitzen“ halten 38 Prozent für vorbildhaft, 35 Prozent hingegen nicht.
Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status haben den Umfrageergebnissen zufolge seltener Vorbilder im privaten Umfeld (55 Prozent versus 77 Prozent) und orientieren sich häufiger an medialen Vorbildern (59 Prozent versus 47 Prozent) als ihre privilegierteren Altersgenossen. Bei jüngeren Kindern zeigen sich hinsichtlich der Vorbilder hingegen keine herkunftsbedingten Unterschiede. Etwa 70 Prozent haben ein Vorbild im privaten Umfeld; rund 40 Prozent orientieren sich an medialen Figuren oder Personen: an Fußballern wie Toni Kroos oder Lionel Messi, den Sängerinnen Nina Chuba und Taylor Swift oder auch dem Kinderreporter Checker Tobi und fiktiven Figuren wie Harry Potter oder Bibi Blocksberg.
Ziegler nannte es „auffällig“, dass Jugendliche an Vorbildern nicht vorrangig Reichtum, Schönheit oder Status bewunderten, sondern Fürsorge, Unterstützung und einen liebevollen Umgang. „Das ist ein starkes Signal. Die Studie macht deutlich: Junge Menschen bewegen sich in einem Spannungsfeld. Sie orientieren sich an sozialen Werten wie Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft, erleben aber zugleich eine Kultur des Vergleichs, der Sichtbarkeit und der Selbstoptimierung.“
Wichtig sei, dass es Menschen gebe, die den Kindern und Jugendlichen im richtigen Moment sagten, dass sie an sie glaubten, betonte Arche-Gründer Siggelkow. „Wir dürfen Kinder aus schwierigen Verhältnissen nicht auf ihre Probleme reduzieren. Sie haben Talente, Träume und Stärken. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass sie diese auch selbst erkennen können.“
Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.
Wie man seinen Verstand benutzt
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